Stadtwerke verkaufen Glasfasernetz

Veröffentlicht am: 23.03.2024

Bad Nauheim. Wie geht es weiter mit dem Glasfasernetz? Diese Frage stellen sich einige Städte derzeit.


Während in einigen Wetterauer Orten fleißig gebaggert und in einigen Städten weiter nach einem Partner gesucht wird, überrascht Bad Nauheim mit einem anderen Weg. In der Kurstadt spielte Glasfaser schon immer eine große Rolle: Bad Nauheim hat in großen Teilen der Kernstadt und in allen Neubaugebieten bereits seit Jahren ein modernes Glasfasernetz, gebaut und betrieben von den Stadtwerken Bad Nauheim. Im Rahmen der Mitverlegung bei anderen Leitungsbaumaßnahmen wurden viele Kunden und Gewerbebetriebe an das Glasfasernetz angeschlossen. Auf diesem Weg konnte Bad Nauheim allerdings nicht flächendeckend ausgebaut werden. Jetzt wird dieses Netz verkauft.

 

Wie kommt es dazu?
Das Glasfasernetz in der Kernstadt ist nicht flächendeckend, in den Stadtteilen fehlt es nahezu völlig. Stadt und Stadtwerke sehen aber den Versorgungsbedarf im gesamten Stadtgebiet. Glasfaser ist eine zukunftsträchtige Infrastruktur, die für eine fortschreitende Digitalisierung unabdingbar sein wird. Derzeit mag die Versorgung über Kupferleitungen noch ausreichen, perspektivisch werden für Alle und Jedes immer mehr Daten unterwegs sein und dafür Leitungskapazitäten benötigen. Sei es modernes, gestreamtes Fernsehen wie Netflix oder Amazon Prime, die technischen Anforderungen im Homeoffice oder online schooling, Ideen von Telemedizin und vieles andere mehr.


„Die Investition in einen zügigen flächendeckenden Ausbau des Glasfasernetzes kann allerdings von den Stadtwerken nicht geleistet werden, da hier mit einem mehrjährigen großen Bauvorhaben und Kosten im mittleren zweistelligen Millionenbereich gerechnet werden kann. Dies sind Dimensionen, die weder finanziell noch personell gestemmt werden können.“ sagt Bürgermeister und Stadtwerke Aufsichtsratsvorsitzender Klaus Kreß.


„Diese Faktoren führten nach langer und gründlicher Abwägung aller Alternativen dazu, das bestehende Glasfasernetz an einen finanzstarken Partner zu verkaufen, der den Rest der Stadt ausbauen will,“ erläutert Stadtwerke Dezernent Stadtrat Sebastian Schmitt. Es besteht jetzt die große Chance, einen Glasfaservertrag mit dem neuen Partner abzuschließen. Auch für den neuen Partner gilt, dass ein Ausbau erst dann erfolgen wird, wenn die Vorvermarktung ergeben hat, dass mindestens 40 % der Bad Nauheimer Bürger einen Vertrag unterzeichnen möchten.

 

Die Open German Fiber, eine Partnerschaft zwischen MEAG, Ärzteversorgung Westfalen Lippe und Primevest, übernimmt das Glasfasernetz der Stadtwerke und investiert in die flächendeckende Erweiterung des Glasfasernetzes. Der Ausbau erfolgt in Kooperation mit den Stadtwerken und der Yplay.
„Ziel aller Kooperationspartner ist es, ein flächendeckendes FTTH-Glasfasernetz für alle Teile des Stadtgebietes von Bad Nauheim in den nächsten Jahren zu bauen und dadurch allen Bürgern einen Zugang zu dem Glasfasernetz zu ermöglichen“, ergänzt Klaus Leckelt, Senior Acquisition Manager bei Primevest.
Den Betrieb des Netzes übernimmt mit der Firma Yplay aus Altenstadt ein regionaler Player, der auch in einigen anderen Wetterauer Kommunen sowie im Landkreis Gießen und im Main-Kinzig-Kreis aktiv ist.


Die aktuellen Kunden der Stadtwerke im Glasfaserbereich bekommen ein neues Angebot von Yplay zu gleichen Konditionen, können aber auch ein anderes Yplay Produkt wählen, z.B. mit höherer Bandbreite.


Der Geschäftsführer der Stadtwerke, Dr. Thorsten Reichel, setzt den Verkauf in die größere Perspektive „Über die Sparte Glasfaser hinaus stehen die Stadtwerke mit der Energiewende vor sehr großen Herausforderungen. Die Wärmewende wird die Versorgung in Bad Nauheim und das Kerngeschäft der Stadtwerke mutmaßlich stark verändern. Die neue Energiewelt wird elektrisch werden, wozu man grünen Strom benötigt, und zwar sehr viel mehr als bisher. Windkraftanalagen, Photovoltaik-Anlagen, Wärmenetze (ob nah oder fern), all das erfordert hohe Anfangsinvestitionen.“ Hier sehen sich die Stadtwerke gefordert, und hier will sich der kommunale Versorger im Dienste der Bürger nachhaltig engagieren.